Geschichte der Korporationen

Vorgeschichte

Mit den ersten Universitäten entstanden auch Zusammenschlüsse von Studenten. Diese entwickelten bestimmte Formen, die als frühe Vorläufer heutiger Verbindungstraditionen anzusehen sind. Erst vor diesem Hintergrund kann man die heutigen Studentenverbindungen verstehen.

 

Nationes

Im Mittelalter gliederte man die Gesamtheit (universitas) der Professoren und Studenten einer Hochschule nach Gebieten ihrer Herkunft: z.B. an den frühen Universitäten in Ravenna, Bologna und Padua, aber auch in Paris.

Diese Zusammenschlüsse wurden nationes genannt, hatten aber weder mit den späteren Nationalstaaten noch einer nationalen Haltung zu tun. Sie dienten wie Gilden dem Schutz ihrer Mitglieder und waren wiederum in Korporationen unterteilt. So genossen die „deutschen“ Studenten in Orleans den Schutz des deutschen Königs und durften mit dem Degen bewaffnet sein.

Anfangs richtete sich ihre territoriale Einordnung nur nach den vier Himmelsrichtungen. So gehörten die Nord- und Osteuropäer an der Universität Paris zur "englischen" Nation. Dazu gab es die normannische, pikardische und gallische Nation. An der Universität Prag, der ersten Universität im Heiligen Römischen Reich, gab es die böhmische "Landsmannschaft" für Deutsche und Tschechen, daneben eine bayerische, polnische und sächsische Abteilung. Die Mitglieder der Universität schlossen sich der „Nation“ an, die ihrer Herkunft am ehesten entsprach.

 

Bursen

Die frühen Universitäten hatten Wohnungen für Magister (Lehrer) und Scholaren (Schüler). In diesen hospicia oder Collegien wurden auch die Vorlesungen gehalten. Daraus entwickelten sich Wohn-, Ess- und Lehrgemeinschaften unter der Leitung eines Magisters. Diese Bursen hatten eine gemeinsame Kasse (lateinisch bursa), aus der der gemeinsame Lebensunterhalt bestritten wurde. Zu Anfangs waren die Bursen nur für arme Studenten gedacht, denen ein Stipendium (Bursen genannt) gewährt wurde, später durften die Collegien auch Studenten aufnehmen, die ihre Burse selbst bezahlten. Neue Bursenmitglieder mussten sich einer rituellen Deposition unterziehen: Während dieser Aufnahmefrist durfte man sie misshandeln, sie mussten ein Eintrittsgeld an die Burse zahlen oder die älteren Semester eine Weile aushalten. Die Kleidung der in der Burse wohnenden Studenten (collegiati, bursati oder bursarii genannt, hieraus entwickelte sich der heutige Begriff des Burschen) war genau nach Farbe, Stoff und Schnitt vorgeschrieben, hieraus entwickelte sich das heutige Couleur.

 

Die alten Landsmannschaften

Im 15. und 16. Jahrhundert gerieten die Universitäten immer mehr unter den Einfluss, die Finanzierung und Kontrolle der Landesfürsten. Nun bildeten sich vermehrt private Studentenzirkel, die nur der gemeinsamen Geselligkeit und der Unterstützung in Notzeiten dienten. Sie waren ebenfalls landsmannschaftlich organisiert, aber kein Teil der Universität mehr. Die Studenten knüpften an bestehende Traditionen an und nannten ihre Zusammenschlüsse auch „Nationen“ oder „Landsmannschaften“ und ihre Mitglieder „Burschen“ (abgeleitet von „Burse“). Die Deposition wurde auf einen formalen Aufnahmeakt bei der Immatrikulation reduziert. Einige Quellen schildern, dass zu dieser Zeit zum ersten Mal der Begriff (Schul-)„Fuchs“ als Bezeichnung für ehemalige Gymnasiasten auftaucht, die neu an die Universität kamen.

Im 17. Jahrhundert wurde daraus der „ Pennalismus“: Die Studienanfänger („Pennäler“) wurden nun oft ein Jahr lang ausgebeutet und mussten die älteren Semester bedienen. Besondere pennalistische Auswüchse sind von den Universitäten in Leipzig, Jena, Rostock und Königsberg bekannt. Die betroffenen Landesherren brachten die Angelegenheit 1654 vor den Reichstag in Regensburg, auf dem ein Abkommen der evangelischen Reichsstände zur Ahndung solcher Verstöße getroffen wurde, das auch die wechselseitige Anerkennung von Relegationen vorsah. Auf dieser Grundlage bekämpften die Universitäten diesen Brauch und die Landsmannschaften mehr oder weniger energisch. Dennoch konnten sie sich bis ins 18. Jahrhundert hinein halten.

Gegen Ende des Jahrhunderts verloren die Landsmannschaften zunehmend an Bedeutung, teilweise konstituierten sie sich nur noch zu besonderen Anlässen wie Universitätsfeiern, an denen die Studenten dann in landsmannschaftlichen Gruppen mit bunten Fahnen und Kleidern teilnahmen.

Die Zugehörigkeit zu einer Landsmannschaft endete mit dem Studienabschluss. Einen Lebensbund gab es noch nicht.

 

Studentenorden

Innerhalb der an Bedeutung verlierenden Landsmannschaften des 18. Jahrhunderts entwickelten sich engere Formen von studentischen Zusammenschlüssen. Die wichtigsten waren zunächst die Studentenorden, die sich nach dem Vorbild der Freimaurerlogen, aber auch der literarisch-philosophischen Orden des 17. und 18. Jahrhunderts entwickelten (Pegnesischer Blumenorden, Palmenorden, Illuminatenorden). Von ihnen stammen das strenge interne Reglement, die Constitution, das förmliche Aufnahme-Versprechen und viele, teils geheime Identitätssymbole wie Zirkel, Bundeszeichen usw., die bis heute in Gebrauch sind. Die Studentenorden, waren der erste Verbindungstypus, bei dem die Mitgliedschaft nicht mit dem Examen endete; das Lebensbund-Prinzip entstand. Die vier wichtigsten Orden waren die Amicisten, Constantisten, Unitisten und Harmonisten.

Obwohl sie unpolitisch waren, wurden die Orden von der jeweiligen Obrigkeit misstrauisch beobachtet. Im Absolutismus galt jeder Zusammenschluss von Menschen als potentiell gefährlich und schädlich für das Staatsinteresse. Hinzu kamen die häufigen Kämpfe, die Einzelstudenten oder Studentengruppen gegeneinander austrugen.

1793 verbot ein Abschied des Immerwährenden Reichstags in Regensburg alle Studentenorden im ganzen Heiligen Römischen Reich. Damit war diese Organisationsform praktisch am Ende.

 

Geschichte der heutigen Verbindungen

Studentenverbindungen im heutigen Sinne entwickelten sich an deutschsprachigen Universitäten seit etwa 1800. Sie übernahmen einzelne Elemente der älteren Formen studentischer Zusammenschlüsse und entwickelten sie weiter.

 

Entstehung der frühen Corps

Nach dem Verbot der Studentenorden bildeten sich neue Formen selbstverwalteter studentischer Zusammenschlüsse, die später so genannten Corps. Sie trugen in der Anfangszeit noch ganz unterschiedliche Namen wie "Landsmannschaft", "Gesellschaft", "Kränzchen", "Club" usw. Sie verbanden äußere Elemente der Orden - straffes Reglement, verbindliche Zusammengehörigkeit, geheime Identitätsymbole - mit denen der alten Landsmannschaften - lateinische Landesnamen, farblich einheitliche Kleidung (Vorläufer der Couleurs) und schufen so die ersten Verbindungen heutigen Typs.

Diese Zusammenschlüsse erfreuten sich zumindest anfänglich sogar der Unterstützung durch Professoren, die sonst den selbstverwalteten studentischen Gemeinschaften sehr kritisch gegenüberstanden. Ziel war es, die Umgangsformen der Studenten an den Universitäten zu verbessern, und zwar nicht durch obrigkeitliche Verordnungen, denn das hatte in vielen Jahrhunderten wenig gefruchtet. Der neue Ansatz bestand darin, dass die Charakter- und Persönlichkeitsbildung zur Aufgabe der neuen Gemeinschaften erklärt wurde. Im Sinne des Idealismus sollten keine politischen Programme verfolgt, sondern der Charakter des Menschen ausgebildet werden. Die positiven Auswirkungen für die Gesellschaft würden sich dann zwangsläufig von selbst ergeben. Bereits in den ersten, frühen Definitionen des Corpsstudententums wird ausdrücklich betont, dass politische Betätigung keine Aufgabe der Corps sei. Schon in den Anfangsjahren war es den Mitgliedern freigestellt, welche politische Überzeugung sie persönlich hegen. Diese Grundauffassung wirkt sich bis heute dahingehend aus, dass Corpsstudenten vielen verschiedenen politischen Richtungen und Parteien angehören, aber nach Ansicht der Corps einen besonderen, überdurchschnittlichen Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung genommen haben.

Neu an ihnen war auch, dass sie sich an jeder einzelnen Universität zu Senioren-Conventen (SC) zusammenschlossen und ein studentisches Gesetzeswerk erstellten, das für alle Studenten der Universität verbindlich war: den SC-Comment. Der Grund waren die damals üblichen rauen Sitten und Gebräuche, die nach damaliger Auffassung nur durch „geschriebene Gesetze“ eingedämmt werden konnten. Analog dazu wurde seit der Französischen Revolution und der napoleonischen Besatzung von den Herrschern die schriftliche Fixierung von Bürgerrechten zur Eindämmung der Herrscherwillkür verlangt (Codici).

Auf diese Weise entstand eine Frühform der demokratisch verfassten studentischen Selbstverwaltung.

Das Streben nach Verbindlichkeit und demokratischen Strukturen mit dem Anspruch auf positive Beeinflussung des Studentenlebens und der Landesentwicklung legte den Grundstein für die Entwicklung der für den deutschen Sprachraum typischen Studentenverbindungen. Damals waren die deutschen Länder noch weit davon entfernt, ihren Bürgern Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit einzuräumen. Daher waren die selbstverwalteten studentischen Zusammenschlüsse in den meisten deutschen Ländern bis 1848 verboten oder unterlagen strengen Genehmigungsauflagen.

 

Die Urburschenschaft

Innerhalb der frühen Corps regten sich bald Bestrebungen, die landsmannschaftliche Gliederung der Studenten an den Universitäten abzuschaffen und alle Studenten („Burschen“) in einer einheitlichen "Burschenschaft" zusammenzuführen. Auch in der Politik sollte die Kleinstaaterei zugunsten eines vereinten Deutschlands abgeschafft werden. Protagonisten dieser Ideen waren zum Beispiel „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn, Ernst Moritz Arndt, Johann Gottlieb Fichte und Jakob Friedrich Fries.

Schon kurz nach den Befreiungskriegen gründete sich am 1. November 1814 in Halle (Saale) eine Teutonia, die noch stark in den landsmannschaftlichen Traditionen der frühen Corps verwurzelt war. Sie verwendete zwar noch nicht die Bezeichnung "Burschenschaft", verfolgte aber schon ähnliche Ziele und stellte sich bereits gegen den Senioren-Convent (SC) der Corps. Aus ihr entwickelte sich in den kommenden Jahren die "teutonische Bewegung", die zur Gründung ähnlicher Zusammenschlüsse an anderen deutschen Universitäten führte. So gründete sich in Gießen mit ähnlichen Zielen der Teutsche Lesegesellschaft. Einige dieser Verbindungen wandelten sich aber im Laufe der Zeit wieder in Corps um und traten dem jeweiligen SC bei. Andere existierten parallel zu den Burschenschaften und schlossen sich später der Burschenschaftsbewegung an.

In Jena hatten im August 1814 die zurückgekehrten Freiwilligen der Befreiungskriege eine „Wehrschaft“ gebildet, die sich im Gebrauch der Waffen übte. Ihre Angehörige waren Mitglieder der verschiedensten ortsansässigen Corps, die sich damals teilweise noch "Landsmannschaft" nannten. Die treibende Kraft für die Gründung einer allgemeinen Verbindung, einer "Burschenschaft", war die "Landsmannschaft" Vandalia. Nach teils heftigen Auseinandersetzungen mit den anderen "Landsmannschaften" beschloss der SC am 29. Mai 1815 seine Auflösung und am 12. Juni gingen schließlich alle in Jena bestehenden "Landsmannschaften" in der ersten Burschenschaft - der Urburschenschaft - auf. Der burschenschaftliche Gedanke griff dann von Jena ausgehend schnell um sich.

Die Bewegung breitete sich bald im gesamten deutschen Raum aus und stellte sich in Gegensatz zu den frühen Corps und ihren SCs, die bis dahin die Gesamtvertretung für die Studenten einer Universität beanspruchten. Bei einem Treffen von etwa 500 Studenten auf der Wartburg am 18. Oktober 1817 (dem Jahrestag der Reformation und Völkerschlacht bei Leipzig) gründete sich die Allgemeine Deutsche Burschenschaft, die ein deutschlandweiter, burschenschaftlicher Zusammenschluss aller Studenten sein sollte. Während der Zusammenkunft kam es auch zu einer ursprünglich nicht geplanten Verbrennung von symbolbeladenen Gegenständen und von Büchern durch eine Gruppe besonders radikaler Studenten. Verbrannt wurden zum Beispiel ein Perückenzopf als Symbol der alten Feudalherrschaft und ein Korporalsstab als Symbol unkontrollierter staatlicher Gewalt. Vernichtet wurden aber auch Bücher, die als „reaktionär“, „antinational“ oder „undeutsch“ eingestuft wurden (unter anderem Werke von August von Kotzebue, Karl Leberecht Immermann, die "Germanomanie" des jüdischen Schriftstellers Saul Ascher, sowie der Code Napoléon).

Bei den Wartburgfesten 1818 und 1819 waren jeweils etwa 3.000 Burschen anwesend, was in etwa ein Drittel der gesamten Studentenschaft des Deutschen Bundes war. Der deutschlandweite Zusammenschluss aller Burschenschafter gelang aber nicht, auch die Urburschenschaft in Jena zersplitterte in verschiedene Strömungen.

Anlässlich der Auflösung der Jenaer Burschenschaft dichtete Daniel August von Binzer 1819 ein Lied, nach seiner ersten Strophe „Wir hatten gebauet ein stattliches Haus“ genannt. In der 7. Strophe heißt es:

Das Band ist zerschnitten,
war Schwarz, Rot und Gold,
und Gott hat es gelitten,
wer weiß was er gewollt!

Hier wurde der Dreiklang Schwarz-Rot-Gold erstmals erwähnt, der dann zum Symbol der Burschenschafts- und Demokratiebewegung in Deutschland wurde.

Ein weiteres Symbol der neuen nationalen Bewegung war eine besondere Form der Kleider- und Haartracht, die bereits während der Befreiungskriege aufgekommen war und altdeutsche Tracht genannt wurde, obwohl es keine historischen Vorbilder gab. Diese Tracht sollte einen Gegenpol zu "französischen Modetorheiten" bilden und bestand aus einem langen geschlossenen Rock mit oben weit geöffnetem Hemdkragen, sehr weit geschnittenen Hosen und einem großen, samtenen Barett. Als unverzichtbar galten lange, ungepflegte Haare und ein wilder Bartwuchs. Diese Tracht galt als so provokativ und aufrührerisch, dass sie von den Behörden teilweise verboten wurde.

Die Burschenschaften waren von Anfang an politische Organisationen mit politischen Forderungen: vor allem nach demokratischen Reformen und Deutschlands Einigung. Die Corps dagegen verstanden sich als Zusammenschlüsse zur gemeinsamen Regelung des studentischen Lebens.

Die Obrigkeit nahm aus diese Gegensätze keine Rücksicht: 1819 – nach Unruhen und einem politischen Mord eines Burschenschafters (Ermordung des Schriftstellers August von Kotzebue am 23. März 1819 durch den Karl Ludwig Sand) verbot der Deutsche Bund alle selbstverwalteten studentischen Zusammenschlüsse. Diese Karlsbader Beschlüsse galten bis 1848. Sie wurden verschieden streng gehandhabt, führten aber zu Gefängnisstrafen, Berufsverboten und Ausweisung für einige Burschenschafter.

Die regelmäßigen Verfolgungen seitens der Behörden machten immer wieder Schließungen und Wiedergründungen erforderlich. Doch das hinderte weder die Corps noch die Burschenschaften an ihrer Ausbreitung und Weiterentwicklung. Dabei stellte sich heraus, dass die Vereinheitlichung aller Studenten in einer einzigen Burschenschaft praktisch nicht durchsetzbar war. Die Zusammenführung gelang nicht, da die Corps weiterexistierten und sich teilweise mehrere Burschenschaften pro Universität bildeten. Der Grund dafür waren unter anderem Richtungs- und Machtkämpfe innerhalb der Bewegung.

Mit der Zeit ließen die Burschenschaften einige Reformforderungen bezüglich der studentischen Kultur fallen und passten sich teilweise der älteren Corpstradition an.

 

1848

Schon vor den Revolutionen von 1848 bildeten sich die ersten betont christlichen Studentenverbindungen. Denn viele Studenten vermissten das christlich-religiöse Element und wollten es zum Bestandteil ihres traditionellen Gemeinschaftslebens machen. Sie waren auch die ersten, die das studentische Fechten zur Austragung von Ehrenhändeln für sich ablehnten. 1836 verzichtete die neu gegründete Uttenruthia (Erlangen) von Beginn an auf Duell und Mensur. Das war damals geradezu revolutionär.

Daraus entstanden zahlreiche Christliche Studentenverbindungen in wiederum ganz verschiedenen Formen auf sowohl evangelischer wie katholischer Seite. Die älteste katholische Studentenverbindung existiert seit 1844. Allen gemein ist, dass sie das studentische Fechten ablehnen.

Besonders zur Zeit des Kulturkampfes Preußens gegen die Katholische Kirche stieg die Zahl katholischer Studentenverbindungen wie auch anderer kaltholischer Laienorganisationen stark an. Die katholischen Verbindungen grenzten sich bewusst von den anderen Studentenverbindungen ab, und waren teilweise sogar erst reine katholische Vereine mit Lebensbundprinzip. Auch wurden sie von den schlagenden Verbindungen als nicht satisfaktionsfähig angesehen, und darum von diesen abgelehnt. Erst im Zuge der Emanzipation gegenüber den schlagenden Verbindungen übernahmen viele christlichen Verbindungen die äußere Form der älteren Korporationsarten.

Zugleich (1840er) bildete sich im Umfeld der politischen Emanzipation des Bürgertums die sogenannte "Progressbewegung" an den Hochschulen, die anknüpfend an Ideen der Urburschenschaft die studentischen Traditionen an die bürgerliche Kultur der Zeit anpassen wollte. Doch auch die daraus entstandenen neuen "Progressverbindungen" - unter ihnen eine neue Art von Landsmannschaften - bzw. die verstärkte Bildung von interkorporativen Vereinen verschiedenster Ausprägungen, wie z.B. wie z.B. den Akademischen Gesangvereine und Akademischen Turnvereinen konnten die bereits etablierte studentische Kultur nicht ablösen.

1848 erzwang die erste demokratische Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche die Aufhebung der Karlsbader Beschlüsse. Die nun mögliche Liberalisierung der deutschen Gesellschaft markiert einen tiefen Einschnitt in der Geschichte der Studentenverbindungen. Aus verbotenen "Untergrundorganisationen" unbotsamer Jugendlicher wurden Zusammenschlüsse der akademischen Elite der Nation. Die Burschenschafterfarben Schwarz-Rot-Gold wurden sogar zu den Farben des Deutschen Bundes erklärt. Von nun an entfaltete sich die ganze Vielfalt der deutschen Studentenverbindungen.

Auch die "ehemaligen Mitglieder" - heute Alte Herren genannt - bekannten sich nun zu ihrem früheren Studentenbund. Da viele von ihnen mittlerweile Spitzenpositionen der Gesellschaft eingenommen hatten, konnten sie ihren Einfluss etwa in der Nationalversammlung geltend machen. Dort waren viele alte Corpsstudenten und Burschenschafter vertreten. Die ersten Stiftungsfeste wurden mit den "Ehemaligen" gefeiert. Um dabei zu sein, reisten berufstätige Akademiker mit der neuen Eisenbahn kurzfristig für wenige Tage in ihre alte Universitätsstadt. Die so mögliche engere Verbindung war die Basis für die späteren Altherrenvereine.

Die zunehmende Industrialisierung verlangte neue und höher qualifizierte Berufe auf breiter Front. Neue Ausbildungsgänge entstanden, neu gegründete Fachschulen, etwa für Landwirtschaft und Technik, Forst- und Bergakademien gewannen stärkere Bedeutung. Sie waren Vorläufer der heutigen Technischen Universitäten und Fachhochschulen. Auch an diesen neuen Instituten bildeten sich bald Studentenbünde, die traditionelle Verbindungsformen übernahmen. An den Gymnasien und Oberrealschulen formierten sich Schülerverbindungen.

Die "Alten Herren" trugen die studentische Kultur offen in das bürgerliche Leben hinein. So gewannen ihre Sitten zunehmend Einfluss auf Sprache und Gewohnheiten der deutschen Bevölkerung. Studentische Ausdrücke wie "Kneipe", "Bursche", auch Redensarten wie "anpumpen", "eine Abfuhr erteilen", "in Verruf kommen" wurden Teil der Umgangssprache. Es kam in Mode, studentische Sitten nachzuahmen. So wurde sogar in den 1870er Jahren für die Schüler weiterführender Schulen nach dem Muster der Studentenmützen so genannte Schülermützen eingeführt, die die Schüler nach Schule und Klassenstufe klassifizierten - auch ohne jede Verbindungszugehörigkeit.

Die Aufhebung der Karlsbader Beschlüsse ermöglichte nun auch das Aufleben des bürgerlichen Vereinswesens. Es gründeten sich die vielfach noch heute existierenden Turn- und Gesangsvereine, die auch bald Kommerse und Stiftungsfeste feierten.

Selbst für die Söhne regierender Adelshäuser wurde es nun opportun, in einer Studentenverbindung zu sein. Dafür kamen allerdings nur nach bestimmten Kriterien ausgewählte Corps in Frage.

 

Die Kaiserzeit

Die Gründung des Deutschen Reiches im Jahre 1871 erfüllte zwar nicht alle, aber einige Forderungen des Bürgertums, besonders der Burschenschaftsbewegung: vor allem die Einheit Deutschlands und eine gemeinsame Reichsverfassung. Allgemeine Menschen- und Bürgerrechte wie das freie Wahlrecht, Versammlungs- und Redefreiheit blieben weiterhin stark eingeschränkt.

Das Kaiserreich wurde vom Großbürgertum und Adel beherrscht und geprägt. Deren politische Ziele glichen sich stark an. Die Verbindungsstudenten gehörten nun zur etablierten Führungsschicht und stützten diese. Ihre Mitglieder besetzten höchste Positionen im Staat: So wurden Otto von Bismarck und Kaiser Wilhelm II. zu ihrer Studienzeit Corpsstudenten.

Die infolge des Krieges 1870/71 einsetzenden deutschnationalen Tendenzen fanden jedoch nicht bei allen Studenten Zustimmung. So sind z.B. in München 1881 Studenten aus der KDStV Aenania und der dem KStV Ottonia ausgetreten und gründeten ein rein bayerische Verbindung, die KBStV Rhaetia. Hiermit wollten sie sich von den Befürwortern des Deutschen Reiches absetzen und traten nachhaltig für die Stärkung Bayerns und seines Königshauses ein. Dies führte auch zur Ablehnung des über den gesamten deutschsprachigen Raumes verteilten Cartellgedanken des CV und KV, da man dann auch Nichtbayern hätte aufnehmen müssen.

Die Industrialisierung ließ nun auch in der Arbeiterschaft eine politische Kraft entstehen: Sie organisierte sich seit etwa 1860 in Gewerkschaften, seit 1871 in der neu gegründeten SPD. Auch dort spielten einige Verbindungsstudenten wie Karl Marx, Wilhelm Liebknecht und Ferdinand Lassalle eine hervorragende Rolle.

Dennoch sahen die Arbeiter die Studentenverbindungen überwiegend als Gegner, da diese die konservativ-nationalen Ideen und Ziele des Bürgertums verkörperten. Diese Konstellation besteht bis heute: Vertreter des linken politischen Spektrums kritisieren das gesamte Verbindungswesen oft scharf.

Der Antisemitismus der Zeit ergriff auch Studentenverbindungen. Reaktionen auf den Antisemitismus und das Ausmaß des Antisemitismus in Verbindungen unterschieden sich dabei von Dachverband zu Dachverband und von Verbindung darin zu Verbindung; auch veränderte sich in einem Dachverband die Ansicht zum Antisemitismus häufig im Laufe der Jahre mehrmals. Erstmals 1817 gab es Ausgrenzungen von Juden, die in der Zeit um 1880 nochmals eine Spitze erreichten. Dennoch waren auch bedeutende Juden immer wieder in der Korporationsszene anzutreffen, beispielsweise den Burschenschafter Theodor Herzl. Der verließ die Verbindung allerdings nach nur drei Jahren, noch vor Beendigung seines Studiums, wegen antisemitischer Äußerungen anderer Verbindungsstudenten wieder. Ein ursprünglich betont antisemitisch gegründeter Dachverband war der VVDSt.

Daraufhin gründeten sich jüdische Studentenverbindungen. Die Reichsverfassung von 1871 garantierte Juden theoretisch erstmals rechtliche Gleichstellung. Das durch Preußen dominierte neue Vaterland versprach ihnen einen Fortschritt gegenüber absolutistischen, kleinstaaterischen und gegenaufklärerischen Positionen der Restaurationszeit.

Neben den meisten jüdischen Studentenverbindungen, die sich zum deutschen Patriotismus bekannten, gab es auch zionistische Verbindungen, die studentische Traditionen mit Zionismus verknüpften: So sang man etwa das patriotische Lied „Die Wacht am Rhein“ als „Die Wacht am Jordanstrand“. Zahlreiche jüdische Verbindungen in Österreich ernannten den ausgetretenen Burschenschafter Theodor Herzl nun zu ihrem Ehrenmitglied.

Jüdische Studentenverbindungen legten großen Wert darauf, sich durch besonderen Eifer in Mensur und Duell als den anderen Verbindungen gleichwertig zu erweisen.

Um 1900 wurden schrittweise Frauen zum regulären Universitätsstudium zugelassen. Schon 1899 bildeten sich die ersten Zusammenschlüsse von Studentinnen, von denen einige verbindungsähnlichen Charakter hatten.

Auch die Studentenzahl nahm um diese Zeit stark zu: Manche Quellen sprechen von über 1.300 Studentenverbindungen und 49 verschiedenen Dachverbänden. Das deutsche Kaiserreich gilt bis heute als Blütezeit der Studentenverbindungen: weniger wegen der absoluten Mitgliederzahlen, eher wegen des hohen gesellschaftlichen Ansehens in weiten Teilen der Bevölkerung.

Die zunehmende gesellschaftliche Etablierung und die fortschreitende Einbindung der Alten Herren veränderte das Verbindungsleben grundlegend. Besonders durch die Gründung der ersten Altherrenverbände (Verband Alter Corpsstudenten 1888) bildete sich eine neue finanzielle Grundlage. Viele Verbindungen leisteten sich nun Angestellte - auch Faxe, Couleur- oder Corpsdiener genannt - und bauten bald die ersten Korporationshäuser, meist als prunkvolle Jugendstilvillen oder historisierende "Ritterburgen".

Der Erste Weltkrieg beendete diese "alte Burschenherrlichkeit". Alle gesunden jungen Männer mussten in den Krieg. Das brachte auch vielen Studenten und Akademikern die Einberufung, das Ende der Karriere oder den Tod. Das Universitätsleben kam praktisch zum Erliegen. Nur zum Teil konnten Alte Herren oder verwundete Kriegsheimkehrer den Betrieb mühsam aufrecht erhalten. Die Hochschulen schlossen zwar nicht, aber viele Verbindungen mussten suspendieren. Manche erholten sich nicht mehr davon. Vor allem Damenverbindungen wurden nach 1918 nicht wieder aktiviert.

Dennoch bejahten alle Verbindungen den Krieg als Dienst "für's Vaterland" und trugen ihn mit. Viele Akademiker wählten eine Offizierslaufbahn über den Krieg hinaus. Für viele brach eine Welt zusammen, als der letzte kaiserliche Reichskanzler, der Corpsstudent Max von Baden, die Abdankung des Kaisers verkündete und die Regierungsgeschäfte dem Sozialdemokraten Friedrich Ebert übergab.

 

Freistudentenbewegung und Allgemeine Studentenausschüsse

Zum Ende des 19. Jahrhunderts entstanden unter dem Einfluss der Jugendbewegung an vielen Universitäten Freistudentenbewegungen, die sich in so genannten Finkenschaften oder Freistudentenschaften zusammenschlossen. Als Gesamtverband der deutschen Freistudenten wurde im Jahre 1900 die Deutsche Freie Studentenschaft gegründet. Die Freistudentenschaften sahen sich satzungsgemäß als Vertreterinnen der gesamten nicht-korporierten Studentenschaft, beschränkten ihren Vertretungsanspruch daher nicht nur auf die eigenen Mitglieder. Die Korporationen verlangten dagegen, den nichtkorporierten Studenten ein Wahlrecht zuzugestehen, von welcher Gruppe sie vertreten werden wollen.

In der Folgezeit entstanden aber durch die Zusammenarbeit von Hochschulverwaltungen, Korporationen und Freistudentenorganisationen auch die ersten Allgemeinen Studentenausschüsse (AStA). Einige von ihnen bildeten 1905 einen kurzlebigen Verband Deutscher Hochschulen, der für alle Studenten verbindliche Ausschüsse auf parlamentarischer Grundlage forderte, aufgrund seiner Verwicklung in den Akademischen Kulturkampf aber bald wieder zerbrach.

Die aus Kompromissen der beteiligten Gruppen entstandenen frühen Allgemeinen Studentenausschüsse existierten jedoch häufig nur für kurze Zeit; erst nach dem Ersten Weltkrieg kam es zu einer neuerlichen Gründungswelle, die 1919 in der Schaffung der Deutschen Studentenschaft gipfelte.

 

Weimarer Republik

Im Jahre 1919 erklärte die erste gewählte Regierung der Weimarer Republik die Trikolore Schwarz-Rot-Gold zu den offiziellen Staatsfarben. Das vom Burschenschafter Hoffmann von Fallersleben gedichtete Lied der Deutschen wurde zur Nationalhymne.

Zuvor hatte der noch nicht gewählte Reichskanzler Friedrich Ebert eine folgenschwere Entscheidung getroffen: Er ließ sogenannte Freikorps aufstellen, um die am 16. November 1918 von der provisorischen Regierung beschlossene, vom Reichsrätekongress im Dezember bestätigte Sozialisierung der Wirtschaft zu verhindern und zu erwartende Massenstreiks niederzuschlagen. Daraufhin löste sich die provisorische Regierung noch vor den allgemeinen Wahlen auf (siehe Novemberrevolution).

Diese Freikorps bestanden überwiegend aus Kriegsheimkehrern des Ersten Weltkrieges und waren - anders als frühere Freiwilligenverbände vor 1848 - ein Sammelbecken für radikalnationalistische Kräfte. Ihnen und den regulären Freiwilligen-Verbänden der Reichswehr gehörten auch zahlreiche Mitglieder von Studentenverbindungen an.

Mit der Vorgabe, einen linksgerichteten Putsch zu verhindern, erschossen die Freikorps bei Straßenkämpfen in Berlin im Januar 1919 einige Hundert Arbeiter. Zudem ermordeten sie die Führer der neu gegründeten KPD, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Danach kam es monatelang zu bürgerkriegsähnlichen Zusammenstößen in ganz Deutschland mit tausenden Toten. Nach den Wahlen und der Gründung der Weimarer Republik 1919 blieben die Freikorps zunächst bestehen. Auch an der Niederschlagung der bayerischen Räterepublik im April/Mai 1919 waren Studentenkompanien beteiligt.

Doch die meisten Studenten kehrten wieder an die Universitäten zurück, wo sie ihre Traditionen neu aufleben ließen. Die Studentenverbindungen - auch die eigentlich unpolitischen - bekannten sich weiterhin zu konservativen und nationalen Ideen und hatten einen Zulauf wie nie zuvor. Ein Großteil ihrer Mitglieder lehnte die neue Republik ab. Dabei waren nach wie vor "Alte Herren" in der Führungselite vertreten, etwa die Reichskanzler Konstantin Fehrenbach, Wilhelm Cuno, Gustav Stresemann, Heinrich Brüning und Wilhelm Marx. Doch viele "Aktive" waren überzeugt, dass Deutschland das "Chaos" der Weimarer Demokratie und die durch das "Versailler Diktat" erzwungenen "Demütigungen" überwinden müsse, um sich vom Weltkrieg wieder erholen zu können.

Der Weg dorthin blieb umstritten. Verbindungen bildeten keine Parteien und schlossen sich insgesamt keiner Parteilinie an. Parteipolitische Aktivitäten blieben Sache des Einzelnen. Aber ein großer Teil propagierte von nun an die republikfeindliche Konservative Revolution. Davon traten viele später der Partei Hitlers, der NSDAP bei.

1920 beschloss die "Deutsche Burschenschaft" auf dem Eisenacher Burschentag den Ausschluss aller Juden und mit Juden Verheirateten. Dieser "Rassestandpunkt" wurde nun zur Prestigefrage auch für andere Dachverbände, die in der Kaiserzeit noch tolerante Aufnahmebedingungen hatten (u.a. Kyffhäuserverband, Deutsche Landsmannschaft, Vertreter-Convent der deutschen Turnerschaften). Damit übernahmen viele Verbindungen eine Vorreiterrolle bei der Ausgrenzung der Juden aus dem akademischen und sonstigen öffentlichen Leben.

1921 beschlossen schlagende und nichtschlagende Studentenverbindungen das Erlanger Verbände- und Ehrenabkommen. Dieses bot erstmals eine Basis zur Beilegung von Streit zwischen diesen Gruppen.

Die 1930-Jahre waren dann von immer stärkerer Auseinandersetzung mit und Angleichung an die Ideen des konkurrierenden "Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes" (NSDStB) geprägt.

 

Die Burschenschaft im Dritten Reich und während des Zweiten Weltkrieges

Die Übernahme der Regierungsgewalt durch den Nationalsozialismus bedeutete für die Burschenschaft wie für das ganze deutsche Volk einen entscheidenden Einschnitt. Zu Beginn schien das im April 1933 erlassene Studentenrecht, das sogenannte „Bündische Kammern“ zur Vertretung der Verbände vorsah, und die Erklärung, die Bestimmungsmensur sei von nun an straffrei, den Anlass zu einer positiven Stimmung zu berechtigen. Unter dem Druck des Nationalsozialismus wurden die Verbände jedoch bald gezwungen, das „Führerprinzip“ einzuführen. In dieser Lage übertrugen die Amtsträger der Deutschen Burschenschaft (DB)  und Vereinigung alter Burschenschafter (VaB) dem Parteigenossen Otto Schwab - er war wenige Monate vorher der NSDAP beigetreten – die Führung der Deutschen Burschenschaft für die Dauer eines Jahres. Der wie alljährlich zu Pfingsten in Eisenach stattfindende Burschentag genehmigte das Vorgehen der Amtsträger und entrechtete sich durch die Anerkennung des Führerprinzips selbst. Er hatte damit praktisch aufgehört, ein die Geschicke der Burschenschaft bestimmendes Parlament zu sein. Die kompromisslose Durchführung der Bestimmungen über die Mitgliedschaft von Juden und Freimaurern, die zu deren Ausschluss führte, der Versuch, Einheitsfarben und eine einheitliche Mütze einzuführen, die Eingriffe in die Rechte der Einzelburschenschaften, führten zu einer schweren Verstimmung und zur allmählichen Bildung einer Opposition innerhalb des Verbandes, die zunächst noch einer organisatorischen Form ermangelte.

Hitlers Machtergreifung wurde von vielen Studenten begeistert begrüßt, auch wenn sie nicht zur NSDAP gehörten. Die neuen Machthaber gaben vor, sogenannte „Arbeiter der Stirn“ (Akademiker) und „Arbeiter der Faust“ (Arbeiter) gleichrangig zu behandeln. Ab 1934 wurde unübersehbar, dass sie Studentenorganisationen nicht von der Gleichschaltungspolitik ausnehmen würden.

Die NSDAP bemühte sich schon früh um studentische und akademische Mitglieder, die ihr auch zuströmten. 1926 hatte sie dazu den Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) gegründet. Dieser organisierte seine Mitglieder in örtlichen "Kameradschaften" und strebte ihre Kasernierung in einem jeweils zu schaffenden „Kameradschaftshaus“ an. Dieses Ziel sollte 1934 auf alle Studenten übertragen werden. Traditionelle Organisationsformen wurden als „reaktionär“, „spießig“ und „ewiggestrig“ denunziert.

Die Nürnberger Rassengesetze sollten in allen bis dahin noch bestehenden Verbindungen rigoros durchgesetzt werden. Die Verwandtschafts- und Abstammungsverhältnisse mussten in jeder Verbindung per Fragebogen abgefragt werden. Jede Verbindung musste in Folge nicht nur alle Juden, sondern auch alle „jüdisch versippten“ Nichtjuden, mit „Halb-“ und „Vierteljüdinnen“ verheiratete Mitglieder ausschließen und darüber Vollzug melden. Zuwiderhandlungen führten zur Einstufung als „nicht-arische Organisation“, der kein Student angehören durfte.

Betroffene Verbindungen versuchten es zum Teil mit Anträgen auf Ausnahmeregelungen und Verzögerungstaktik. Viele der betroffenen Alten Herren traten freiwillig aus, um der eigenen Verbindung nicht zu schaden. Aber die Convente akzeptierten das oft nicht, so dass ihnen nur noch die freiwillige Einstellung des Aktivenbetriebes (Suspension) übrig blieb.

Hier zeigte sich das Konfliktpotential zwischen traditionellen Verbindungsidealen und der nationalsozialistischen Ideologie. Es gab eine Reihe von theoretischen Konfliktpunkten:

  • Demokratieprinzip: Trotz der seit 1871 allgemein konservativen Ausrichtung verankerten die Convente die demokratische Unabhängigkeit ihrer Entscheidungen in den Verbindungen. Das widersprach dem Führerprinzip, das die Nationalsozialisten nun durchsetzten.

 

  • Lebensbundprinzip: Obwohl die meisten Verbindungen schon seit 1880 keine Juden mehr als Neumitglieder aufgenommen hatten, blieben ihnen viele "Alte Herren" jüdischer Herkunft verbunden. Das kollidierte nun mit dem „Arierprinzip“, das die Nationalsozialisten auf alle Alten Herren ausdehnten.

 

  • Studentischer Ehrbegriff: Die uralte Tradition, dass jeder Student die eigene Würde zu wahren und die eines jeden anderen zu achten habe, widersprach der nationalsozialistischen Auffassung. Der individuelle Ehrbegriff wurde nun ganz der „Treue zum deutschen Volk“ untergeordnet: Ehrenhaft war, was der Volksgemeinschaft nützte, und was das war, bestimmte allein die NSDAP. Aus der Verpflichtung zur individuellen Gewissensentscheidung wurde der Kadavergehorsam.

 

  • Couleur und Brauchtum: Als autonome Zusammenschlüsse hatten die Verbindungen im Laufe der Jahrhunderte eine große Vielfalt an kulturellen Ausdrucksformen gepflegt und weiterentwickelt. Sie dienten ursprünglich der Differenzierung der einzelnen Verbindungen untereinander und später wohl auch der elitären Abgrenzung des Akademikernachwuchses vom Rest des Volkes. Das lehnten die Nationalsozialisten ab. Sie verlangten stattdessen die völlige Eingliederung in die klassenlose Volksgemeinschaft. Studenten hatten möglichst Kameradschaftsuniform zu tragen. Das Ideal war der einheitliche „Volksgenosse“.

 

  • Lebensfreude: Das Ausleben jugendlicher Lebensfreude in traditionellen außeruniversitären Freizeitaktivitäten widersprach nun ebenfalls der Verpflichtung gegenüber der „Volksgemeinschaft“. Die Nationalsozialisten füllten die Freizeit der Studenten mit Wehrsport und ideologischer Schulung aus.

 

Um den Konflikt zwischen dem Interesse an den Studenten und der Ablehnung ihrer Werte zu überbrücken, verfolgten die Nationalsozialisten eine Strategie von „Zuckerbrot und Peitsche“: Botmäßigkeit wurde belohnt, Verzögerungstaktik bestraft.

Die Verbindungen reagierten darauf unterschiedlich. Einige Dachverbände sahen ihre Aufgabe mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten als erfüllt an und lösten sich auf, sei es freiwillig oder wegen des Drucks der Regierung. Andere versuchten, zu "überwintern" und passten sich äußerlich an. Sie wollten sich nicht auflösen, sondern ihre Werte und Traditionen für spätere Generationen bewahren. Sie hofften, dass Hitlers Herrschaft nur kurzlebig sei und gingen daher viele Kompromisse ein. Einige wenige verteidigten ihre Binnenstrukturen offensiv.

Es kam immer häufiger zu Rempeleien und Prügeleien zwischen Verbindungsstudenten und nationalsozialistischen Kameradschaftsangehörigen. Besonders heftig waren die so genannten Göttinger Krawalle, bei denen im Juli 1934 an zwei Tagen regelrechte Straßenschlachten zwischen Anhängern der Nationalsozialisten und Verbindungsstudenten stattfanden. Am Ende ging die Polizei mit gezogenen Säbeln und Gummiknüppeln, aber auch die Feuerwehr mit Wasserwerfern gegen die Verbindungsstudenten vor, von denen einige verhaftet wurden. Den Höhepunkt bildeten die Ereignisse um das Heidelberger Spargelessen, bei dem im Mai 1935 einige Corpsstudenten öffentlich ihr Missfallen über Adolf Hitler zum Ausdruck brachten.

Die Nationalsozialisten nutzten diese Vorfälle mit Hilfe der gleichgeschalteten Presse sofort aus, um publizistisch Druck für die Gleichschaltung auch der Studentenverbindungen zu machen.

Zwischen 1934 und 1936 hatten sich die meisten Studentenverbindungen entweder selbst aufgelöst oder waren zwangsaufgelöst worden. Die Altherrenverbände und einige wenige (vor allem katholische) aktive Studentenverbindungen existierten noch bis etwa 1938 (Himmler-Verbot vom 20. Juni 1938). Da die Nationalsozialisten die Alten Herren zur Finanzierung der Kameradschaften brauchten, tarnten sich viele Verbindungen als Kameradschaften, um so trotz strengen Verbots möglichst viele alte Werte und Sitten heimlich weiter zu vermitteln. Danach war die große Mehrheit der Studenten Mitglieder in den nun zahlreich gegründeten Kameradschaften. Diese übernahmen nun auch die Häuser der Studentenverbindungen.

Unter der Führung des Staatssekretärs in der Reichskanzlei und Verbändeobmanns Dr. Lammers (Miltenberger Ring) entstand am 12. Januar 1935 eine „Gemeinschaft studentischer Verbände“ (GStV), die vorübergehend die Anerkennung als Gesamtvertretung aller studentischen Korporationsverbände gegenüber der NSDAP erreichte, aber sich schon am 8. September des Jahres wieder auflösen mußte, wobei erneut Rivalitäten der Verbände und die Frage des Ausschlusses der jüdischen Alten Herren und Freimaurer eine Rolle spielte.

Die Führung der DB hatte seit dem 22. Februar 1935 als Nachfolger von Schwab Rechtsanwalt Hans Glauning (Germania Marburg) übernommen. Er verfolgte als alter Angehöriger des NSDStB eine noch eindeutigere nationalsozialistische Politik, so daß weitere Burschenschaften austraten und sich der „Alten Burschenschaft“ unter der Führung von Dr. Karl Hoppmann (Germania Straßburg) anschlossen, die sich aus dem „Altburschenschaftlichen Ring“ entwickelt hatte. Als der Reichsjugendführer Baldur von Schirach allen Mitgliedern der Hitlerjugend die Mitgliedschaft in Korporationen verbot, ein gleiches Verbot vom NSDStB und von der SA erlassen wurde, spitzte sich die Lage immer mehr zu. Die in einer geschmacklosen Anknüpfung an das Wartburgfest von 1817 am 18. Oktober 1935 – die „Alte Burschenschaft“ hatte sich bereits einen Tag vorher aufgelöst - auf der Wartburg vollzogene Auflösung der DB hatte sich damit als eine sinn- und wertlose Demonstration erwiesen. Den Todesstoß erhielt das Verbindungswesen schließlich durch eine Anordnung des „Stellvertreters des Führers“, Rudolf Heß, mit der allen studierenden Angehörigen der NSDAP die Mitgliedschaft bei einer Korporation verboten wurde. Nachdem sich viele Burschenschaften bereits Ende 1935 aufgelöst hatten, folgten jetzt auch die meisten anderen diesem Beispiel, nur wenige konnten sich bis zum Sommersemester 1936 halten. Die Altherrenschaften bestanden jedoch in ihrer überwiegenden Mehrzahl weiter und weigerten sich vielfach, ihre Häuser den „Kameradschaften“ zur Verfügung zu stellen. Eine Wandlung bahnte sich seit dem Jahre 1938 an, als Dr. Gustav Adolf Scheel, ein ehemaliger VDSter, in Personalunion Reichsstudentenführer und Reichsführer des NSDStB wurde. Ihm gelang es, durch Konzessionen an die Tradition der Korporationen einer Reihe von Altherrenschaften die Zustimmung zur Aufnahme von Kameradschaften in ihre Häuser abzugewinnen.

In vielen Fällen entwickelten sich diese Kameradschaften zu Zellen der Opposition gegen den NSDStB; sie führten dort, wo besonders günstige Umstände herrschten, das Korporationsleben getarnt fort, darunter auch eine ganze Reihe von Burschenschaften, was für den Wiederaufbau der burschenschaftlichen Bewegung nach dem Zweiten Weltkrieg von erheblicher Bedeutung war.

Im Jahre 1938 verkündete Reichsstudentenführer Dr. Scheel dann das Ende der traditionellen Studentenverbindungen.

Im Krieg ließ jedoch seit etwa 1941 die Überwachung der Universitäten wieder nach. Dort studierten fast nur noch verwundete Kriegsheimkehrer. So konnten sich lokal einige Verbindungen heimlich neu gründen, Veranstaltungen in Couleur abhalten und sogar Mensuren fechten. 1944 planten Kösener Corpsstudenten aus Leipzig, Würzburg, Tübingen und Bonn sogar, ihren Dachverband wieder zu gründen und feierten in Couleur eine Kneipe auf der Rudelsburg, dem traditionellen Treffpunkt des Verbandes. Doch der dazu nötige Schriftverkehr fiel auf. Die Gestapo strengte ein Ermittlungsverfahren wegen „Gründung neuer Parteien und Hochverrat“ an. Die Ermittlungsakten wurden jedoch bei einem alliierten Bombenangriff in Berlin im Frühjahr 1945 vernichtet.

Eine Reihe von Verbindungsstudenten machten Karriere in Hitlers Partei und Staat. Andere beteiligten sich an Widerstandsversuchen. Sie gehörten zum inneren Führungskreis der Attentäter des 20. Juli 1944, zum Kreisauer Kreis, zur Bekennenden Kirche oder starben als Einzelkämpfer oder Geistliche in Gestapohaft und Konzentrationslagern.

Obwohl genaue Zahlen schwer zu ermitteln sind, ist davon auszugehen, dass einige zehntausend Verbindungsstudenten im Krieg fielen oder an Kriegsfolgen starben.

Inzwischen hatten sich die Burschenschaften in Österreich und im Sudetenland von der DB aus außenpolitischen Gründen gelöst, ohne dabei die Verbindung mit dem Reich aufzugeben. Der Anschluss des Jahres 1938 und die Besetzung der Resttschechoslowakei im darauffolgenden Jahre bedeuteten auch ihr Ende. Die von Schwab im November 1933 - mit Wirkung vom 1.1.1934 - eingeleitete Aufnahme von zahlreichen Verbindungen, darunter die Burschenschaften des „Allgemeinen Deutschen Burschenbundes“ löste schließlich die Bildung der „Losen Arbeitsgemeinschaft“ aus, die sich insbesondere gegen seine Hochschulpolitik wandte. Inzwischen hatte sich die Situation der Korporationsverbände, die untereinander uneinig waren, weiter verschlechtert. Der sogenannte „Feickert-Plan“ sah die Umwandlung der Verbindungen in Wohnkameradschaften vor, denen die einzelnen Studenten für zwei Semester zugewiesen werden sollten, ohne dass sie Mitglied der betreffenden Korporation werden mussten. Dadurch verstärkte sich erneut die Opposition und entwickelte sich über verschiedene Stufen zum „Altburschenschaftlichen Ring“, der aus der DB ausschied und 22 ausgetretene oder ausgeschlossene Burschenschaften umfasste, wobei der Widerstand gegen die Arierbestimmungen und der im Oktober erfolgte Austritt der DB aus dem „Allgemeinen Deutschen Waffenring“ eine entscheidende Rolle spielte.

 

Die Burschenschaften in Österreich

Der Einfluss des Schillerjahres 1859 auf das studentische Verbindungswesen in Österreich, das bisher im Schatten der Entwicklung gestanden hatte, war enorm. Das Metternichsche System hatte alle seit 1819 und später gemachten Versuche, den burschenschaftlichen Gedanken zu vertreten - jüngere Forschungen haben erwiesen, dass diese Tendenzen stärker waren als bisher angenommen wurde - vereitelt. Durch den italienischen Krieg und durch die Schillerfeiern von 1859 wurde der Druck der Reaktion beseitigt. Eine Welle deutschnationaler Begeisterung durchlief die Studentenschaft in Österreich, der man jetzt aus politischer Klugheit Rechnung tragen musste. Noch in das gleiche Jahr fiekl die Gründung der Wiener Burschenschaft Olympia, und in sehr kurzer Zeit wurden alle österreichischen Hochschulen vom burschenschaftlichen Gedanken erfasst. Die damals entstandenen Burschenschaften vertraten zunächst sämtlich den Progressstandpunkt: sie lehnten Duell und Mensur ab. Die Wiener Burschenschaft Silesia (1860) wurde 1862 als erste Burschenschaft „konservativ“ und sprach sich für die Genugtuung mit der Waffe aus. Ihrem Beispiel folgten bald einige andere Burschenschaften, aber erst um 1884 war der Kampf zwischen progressistischen und konservativen Burschenschaften beendet. In Umkehrung der bis dahin geltenden Verhältnisse entwickelte sich eine bis heute bestehende scharfe Betonung des „konservativen“ Standpunktes hinsichtlich des Duells und der Mensur. Hierbei setzten sich auch rassische Bestrebungen im Sinne eines zum Teil militanten Antisemitismus durch. Von Beginn an waren die Burschenschaften in Österreich politisch ausgerichtet: Unbedingter Einsatz für die deutsche Einheit und den Schutz des deutschen Volkstums in den Grenzgebieten waren die Losung, und hier liegen ihre besonderen Verdienste.

Nur einige der Burschenschaften in Österreich hatten engere Beziehungen zu den reichsdeutschen Burschenschaften. Wie dort herrschte auch hier zeitweise lähmende Zersplitterung. Erst der 1889 aufgrund einer Initiative von Julius Sylvester gegründete „Linzer Delegierten- Convent“ (LDC) brachte eine Wendung, hatte freilich auch nur bis Ende Januar 1900 Bestand, und der im Mai des gleichen Jahres ins Leben gerufene „Allgemeine Burschenschafterbund der Ostmark“ verschwand schon 1901 wieder von der Bildfläche. Es war das Verdienst des 1889 gegründeten „Verbandes Alter Burschenschafter Österreichs“, der zeitweilig den Namen „Wartburg“ führte, dass wenigstens auf der Ebene der alten Burschenschafter die Einheit gewahrt blieb. Erst 1907 kam es zur Gründung der „Burschenschaft der Ostmark“ (BdO) mit 37 Burschenschaften an Universitäten, Technischen Schulen und Fachhochschulen. Die fachstudentischen Korporationen gründeten am 22. Nov. 1909 den Conservativen Delegierten Convent (CDC), der 1952 wieder seine Arbeit aufnahm. 1989 wurde der CDC wiederbegründet und seit dem Jahr 1999 können fachstudentische Burschenschaften in der Deutschen Burschenschaft (DB) aufgenommen werden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg (nur geringfügig später als in der Bundesrepublik Deutschland - am 29. Mai 1952 in Salzburg)  gründeten die deutschen Burschenschaften in Österreich ihren Verband, den Allgemeinen Delegierten-Convent, der sich 1959 in Deutsche Burschenschaft in Österreich umbenannte.

Durch die Ratifizierung des Welser „Arbeits- und Freundschaftsabkommens“ zwischen der Deutschen Burschenschaft und dem Allgemeinen Delegierten Convent fand die traditionelle Gemeinsamkeit aller deutschen Burschenschaften 1952/53 einen sichtbaren Ausdruck. Bestrebungen, alle deutschen Burschenschaften an wissenschaftlichen Hochschulen wie in der Zeit der Weimarer Republik unabhängig von staatlichen Grenzen in einem gemeinsamen Verband zusammenzufassen, führten auf dem Burschentag 1961 in Nürnberg zu einem Antrag auf Fusion der Deutschen Burschenschaft und der Deutschen Burschenschaft in Österreich. Nach der Ablehnung dieses Antrages gründeten Befürworter der Fusion aus beiden Verbänden die Burschenschaftliche Gemeinschaft in DB und DBÖ.

 

Pennalien

Wahrscheinlich entstand die erste burschenschaftliche Schülerverbindung nach 1815 in Weimar. Am Wartburgfest 1817 nahmen zahlreiche Gymnasiasten, wenn auch nur als Zaungäste, teil. In dieser Zeit fand man immer häufiger die Wechselbeziehung zwischen Schülern und ehemaligen Schülern, die jetzt als Studenten einer akademischen Korporation angehörten und den Schülern behilflich waren. Die Mainzer Zentraluntersuchungskommission stieß daher bei ihren Nachforschungen ab 1819 auf zahlreiche und nicht nur burschenschaftliche Schülerverbindungen. Wie sehr die Schülerverbindungen sich trotz aller Verfolgungen im Geheimen entwickeln konnten, zeigt die Tatsache, dass es sogar schon 1822 gelang, ein Kartell zwischen einigen gleichgesinnten Verbindungen zu schließen. Natürlich zündete der burschenschaftliche Funken auch an Österreichs Schulen. 1813 verließen zwei Gymnasiasten ihre in Salzburg befindliche Schule und schlossen sich dem Lützow´schen Freicorps an. Als sie 1815 wieder zurückkehrten, war es nur natürlich, dass sie dort nach deutschem Vorbild eine Vereinigung einrichteten. In vielen Orten konnte innerhalb kürzester Zeit an den Schulen burschenschaftliches Gedankengut Fuß fassen. Um 1825 fanden sich nirgends mehr in Österreich Hinweise auf den Bestand von Schülerverbindungen - Metternichs Polizei hatte ganze Arbeit geleistet. Ab 1820 tritt die Bezeichnung „Pennäler“ mit geänderter Bezeichnung auf. Bezeichnete man früher Studenten des ersten Studienjahres als Pennäler, so waren es nun Mitglieder der Schülerverbindungen, die man als Pennäler einstufte. Ein fester Begriffsinhalt ergab sich aber erst, als zwischen 1834 (PREUSSEN) und 1848 (ÖSTERREICH) das Abitur, bzw. die Matura als Abschlussprüfung des Gymnasiums bzw. als Voraussetzung für ein Universitätsstudium eingeführt wurde. Die erste und heute noch bestehende Pennalie in Österreich war die katholische Verbindung e.v. Teutonia Innsbruck, die am 22. November 1876 trotz des sogenannten Koalitionsverbots für Mittelschüler gegründet wurde.

An der Bezeichnung Pennäler für die Angehörigen einer Mittelschulverbindung hat sich im Großen und Ganzen bis heute nichts mehr geändert. Gegenwärtig spielen Pennalien in Österreich eine bedeutend größere Rolle als in Deutschland. Obwohl der historische Ausgangspunkt ziemlich gleich war, entwickelten sich die Pennalien in Österreich vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg. In der Schweiz wiederum tritt jenes Phänomen auf, dass die Grenzen zwischen Pennalie und akademischer Verbindung kaum mehr erkennbar sind, ihre Trennlinien oft bereits verschwunden sind.

 

Nachkriegszeit

Nach 1945 verboten die alliierten Militärregierungen einen Großteil der deutschen Vereinigungen, so auch die Studentenverbindungen. Für Studentenverbindungen wurde dieses generelle Verbot 1950 aufgehoben.

Ab etwa 1947 versuchten sich einige Studentenverbindungen in Westdeutschland und Österreich wiederzugründen. Bis 1950 war die Wiederbelebung des Korporationswesens sehr weit fortgeschritten.

1949 erklärte die Westdeutsche Rektorenkonferenz (WRK) in ihrem Tübinger Beschluss: "Im Bilde der kommenden studentischen Gemeinschaft wird kein Platz mehr sein für Veranstaltungen von Mensuren, die Behauptung eines besonderen Ehrbegriffs, die Abhaltung geistloser und lärmender Massengelage, die Ausübung einer unfreiheitlichen Vereinsdisziplin und das öffentliche Tragen von Farben."

Viele Universitäten änderten ihre Hochschulordnungen entsprechend der Forderungen der WRK. Das Verbot von Korporationen durch Universitäten wurde einige Jahre später vor Gericht für unrechtmäßig erklärt. Jedoch versuchten einige Universitäten Verbindungen (besonders schlagende) fernzuhalten, indem sie sie nicht als Vereine an der jeweiligen Uni registrierten. An der TU Berlin beispielsweise wurde Corps Lusatia als erste Verbindung mit Mensurpflicht erst 1963 anerkannt. Die gleiche Verbindung erzwang 1968 in einem Musterprozess vor dem Verwaltungsgericht auch die offizielle Anerkennung von der FU Berlin. Verbote einiger Universitäten, auf dem Universitätsgelände Farben zu tragen, wurden von Gerichten seinerzeit bestätigt; allerdings haben sie heute keine Bedeutung mehr.

Aufgrund der Schwierigkeiten und der ablehnenden Haltung von verschiedenen Seiten wurden die ersten Mensuren nach dem Zweiten Weltkrieg denn auch heimlich und mit ungeklärter Rechtslage gefochten. Polizeiliche Verfolgungen fanden statt, Ausrüstung wurde beschlagnahmt. Im Jahre 1951 wurden die Studenten von Studnitz (Corps Bremensia Göttingen) und Saalbach (Corps Hannovera Göttingen) nach einem auswärts veranstalteten Pauktag in Göttingen "abgefasst". Daraufhin fand vor der Großen Strafkammer in Göttingen ein Prozess statt. Das Urteil vom 19. Dezember 1951 lautete auf Freispruch, da eine Mensur kein Duell mit tödlichen Waffen sei. Körperverletzung mit Einwilligung sei nicht strafbar und auch nicht sittenwidrig. Nach einer "Sprungrevision" der Staatsanwaltschaft bestätigte der Bundesgerichtshof das Urteil am 29. Januar 1953. Voraussetzung für die Straffreiheit war jedoch, dass die Mensur nicht zum Austragen von Ehrenhändeln diente und dass die verwendeten Schutzwaffen sicherstellten, dass tödliche Verletzungen ausgeschlossen seien.

Der Disziplinar-Dreierausschuss der Universität Göttingen verhängte am 29. Januar 1952 gegen von Studnitz und sieben Mitglieder einer studentischen Landsmannschaft die Strafe der Nichtanrechnung eines Semesters wegen Mensurenschlagens. Das Verwaltungsgericht Hannover, Kammern Hildesheim, hob die Entscheidung wieder auf. Dem Weinheimer Corpssstudenten Janssen wollte die Freie Universität Berlin die Immatrikulation verweigern, weil er sich zum Mensurenschlagen bekannt hatte. Diese Entscheidung wurde am 24. Oktober 1958 vom Bundesverwaltungsgericht aufgehoben.

Der Verzicht auf die Austragung von Ehrenhändeln mit der Waffe wurde dann auch gegenüber dem damaligen deutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss bei einem persönlichen Treffen am 8. April 1953 von den Delegationen aller maßgeblichen mensurschlagenden Verbände  Kösener Senioren-Convents-Verband, Weinheimer Senioren-Convent, Deutsche Burschenschaft und Coburger Convent) bestätigt. Damit gehörte das studentische Duellwesen endgültig der Vergangenheit an.

Die volle Anerkennung der Verbindungen durch die Regierung fand 1961 ihren Abschluss, als die Korporationsverbände in die Förderung des Bundesjugendplanes aufgenommen wurden.

Die Verbindungen an Hochschulen der DDR, aus Königsberg, Danzig, Breslau, Prag und Brünn hatten mittlerweile auch ihren Standort nach Westdeutschland oder Österreich verlegt . Dabei hatten viele mit befreundeten Verbindungen fusioniert, um ihre Ressourcen für den Wiederaufbau zu konzentrieren.

Die baltischen Verbindungen, die in Riga und Dorpat, aber auch in Moskau oder Sankt Petersburg eine eigene Kultur entwickelt hatten, gründeten nach dem Krieg zwei neue Corps in Göttingen und Hamburg sowie eine nichtschlagende Verbindung in München.

Nach und nach gaben viele Dachverbände auch Schuldeingeständnisse zu ihrem Verhalten im "Dritten Reich" ab: zunächst christlich orientierte Verbindungen wie der Schwarzburgbund, die sich dabei an die Kirchen anlehnten.

Jüdische Studentenverbindungen haben sich bis heute nicht wieder gegründet. Ein ausgewanderter jüdischer Dachverband existiert aber immer noch in New York.

 

Die Studentenbewegung

Der anhaltende wirtschaftliche Nachkriegsaufschwung und spätere Bildungsreformen gewährten in der Bundesrepublik ab 1960 allmählich Kindern aus allen gesellschaftlichen Schichten Zugang zu höherer Bildung. Ab 1970 wurden neue Universitäten und Gesamthochschulen gegründet, u.a. in Bochum, Salzburg und Linz in Österreich. Hier fanden neue Verbindungsangebote an interessierte Studenten ein fruchtbares, zum Teil aber auch ablehnendes Feld.

Denn mit der seit 1965 aufkommenden Studentenbewegung erwuchs den Verbindungen starke Konkurrenz. Diese war ein Teil des internationalen reformerischen Aufbruchs, der besonders 1968 von Berkeley (USA) über Paris, Berlin bis Prag reichte. Die deutsche "68-er"-Generation rebellierte gegen das Totschweigen der Verbrechen des "Dritten Reiches" durch die Elterngeneration und deckte die unaufgearbeiteten Verstrickungen erheblicher Teile der deutschen Wissenschaft in der Hitlerzeit auf. Der die Diskussion bestimmende Teil der damals Studierenden sah die gründliche Aufarbeitung und Abkehr von kompromittierten Traditionen, die das Dritte Reich vorbereitet hatten, als Voraussetzung für jeden weiteren wissenschaftlichen und sozialen Fortschritt an.

Der gesellschaftliche Umbruch reichte über die Universitäten hinaus: In der Bundesrepublik Deutschland begann die neu gebildete Sozialliberale Koalition eine Aussöhnungspolitik mit dem Osten und schuf damit wesentliche Voraussetzungen für die heutige deutsche Einheit. Die sexuelle Revolution, Dritte-Welt-Solidarität, Ökologiebewegung, Hausbesetzerbewegung, aber auch der RAF-Terrorismus waren nur einige Aspekte, die die tiefgreifende Veränderung des gesellschaftlichen Klima zeigten.

Daran hatten die konservativen deutschen Studentenverbindungen kaum Anteil. Das Vertreiben des "Muffs von 1000 Jahren unter den Talaren" betraf auch ihre Sitten und Gebräuche. Das empfanden viele als Angriff auf alle bestehenden Gesellschaftsstrukturen, gegen den sie ihre Traditionen umso mehr verteidigten. Aus diesem Beharrungsvermögen rührt ein Teil der heutigen Vorbehalte gegen studentische Verbindungen. Dabei geht es weniger um deren gemeinschaftsstiftende Elemente als um das Festhalten von als überholt empfundenen Formen, Ideen und den damit einhergehenden (vermuteten) politischen Positionen.

Die Studentenbewegung hat die universitäre Landschaft nachhaltig beeinflusst: Eine erweiterte Mitbestimmung - Drittel- und Viertelparität - in den Universitätsgremien der akademischen Selbstverwaltung eröffnete den Studenten eine Fülle an neuen politischen Wirkungsmöglichkeiten. Es existiert heute an den Universitäten eine pluralistische Vielfalt von Vereinigungen. Die Verbindungen mussten infolge dieser neuen Tatsachen zunächst einen relativ starken Rückgang des Anteils an Korporierten und der absoluten Mitgliedszahlen hinnehmen. Viele Verbindungen mussten ihren aktiven Betrieb einstellen. Einige, die bisher nur Männer aufnahmen, versuchten sich durch die Aufnahme von Studentinnen zu stabilisieren. Das gelang in einigen Fällen, in den meisten jedoch nicht. Die rückläufige Entwicklung kam erst ab 1980 zum Stillstand. Seit etwa 1985 ist wieder eine Zunahme an neuen Mitgliedern zu beobachten. Viele Verbindungen, die seit 1970 ihren aktiven Betrieb eingestellt hatten, haben ihren Aktivenbetrieb wieder aufgenommen. Dabei folgen die meisten dieser Verbindungen ihren traditionellen Wurzeln, eine deutlich veränderte inhaltliche Ausrichtung ist eher selten zu beobachten.

In der DDR galten Studentenverbindungen als Relikt aus bürgerlichen und feudalistischen Zeiten, als den Kindern der werktätigen Bevölkerung der Zugang zu den Universitäten versperrt war. Aus der Sicht der neuen kommunistischen Führung sollten jetzt die Kinder der Arbeiter studieren, für die Symbole und Rituale des Klassenfeindes war jetzt kein Platz mehr. Die an den Hochschulen der DDR ansässigen Studentenverbindungen versuchten, so viel Material und Erinnerungsstücke wie möglich in den Westen zu retten und dort an einer anderen Universität eine neue Existenz aufzubauen. Die in der DDR verbliebenen Alten Herren verhielten sich unauffällig, nicht wenige halfen beim "Aufbau des Sozialismus" mit, einige kamen sogar deswegen aus dem Westen und erreichten in der DDR hohe Positionen. Die Erinnerung aber an die alten Traditionen wurde aus dem Bewusstsein der Bevölkerung weitgehend getilgt.

Aber schon in den frühen 60er Jahren begannen sich Studenten in der DDR wieder für die studentischen Traditionen zu interessieren, wobei jedoch vorsichtig und heimlich Material von Dachböden zusammengesucht werden musste. Erster Punkt des Interesses war das alte Studentenlied, dann kamen die Traditionen der Kneipe und des Kommerses. Einige begannen sich auch für das studentische Fechten (Mensur) zu interessieren

Während in den 60er und 70er Jahren die Aktivitäten noch unsystematisch und ungezielt abliefen und auf reine Freizeitgestaltung ausgerichtet waren, bildeten sich in den frühen 80er Jahren die ersten DDR-Studentenverbindungen.

Als älteste bekannte Verbindung in der DDR gilt die Sängerschaft Concordia Greifswald, die am 9. November 1982 gegründet wurde. Aus den sich nach und nach entwickelnden Verbindungen ergaben sich immer mehr Kontakte untereinander. Am 29. Mai 1986 gab es ein erstes offizielles Zusammentreffen von Vertretern verschiedener Verbindungen aus Dresden, Erfurt, Halle (Saale), Jena, Leipzig und Magdeburg in Schmiedeberg im Gasthaus "zur Schmiede".

Am 20. Juni 1987 richtete die Salana Jenensis einen ersten Allianzkommers auf der Rudelsburg aus.

Im Januar 1988 versuchte die Staatsmacht, die ganze Angelegenheit, die bis dahin im Untergrund lief, zu kontrollieren. Dazu wurde in Halle(Saale) der Kulturbund-Freundeskreises "Studentische Kulturgeschichte" gegründet, der bis Mai 1989 bestand. In diesem Zeitraum wurden staatlicherseits auch zwei Schallplatten mit Studentenliedern produziert. Die Entwicklung endete am 10. Februar 1990 mit der Gründung der Rudelsburger Allianz (RA). Diese ist ein Freundschaftsbund. Mitglieder der RA können solche Verbindungen werden, die vor dem 9. November 1989 eine Tradition in der DDR besitzen. Den Mitgliedern der RA steht es frei, sich anderen Dachverbänden anzuschließen.

Nach der Wende von 1989 wurde es auch auf dem Gebiet der DDR wieder möglich, die Studentenverbindungen an den Universitäten neu zu beleben. Viele Verbindungen verlegten ihren Sitz aus dem Westen erneut an alte Heimatuniversitäten wie Jena, Leipzig, Halle, Rostock, Greifswald, Dresden, Freiberg und Tharandt. Es kam dabei zu Wiedergründungen und einigen Neugründungen. Teilweise wurden neue Universitätsstädte wie Potsdam und Frankfurt/Oder für Verbindungen erschlossen.

Studentenverbindungen im Gebiet der neuen Bundesländer haben damit zu kämpfen, dass ihre Tradition seit 1933, also seit über 70 Jahren, von den jeweils herrschenden politischen Systemen negativ belegt wurde. Auch fehlen die für das Verbindungsleben wichtigen Alten Herren im Umfeld einer Universitätsstadt.

 

Europäisierung und Globalisierung

Mittlerweile gibt es auch Bestrebungen auf europäischer Ebene mit Studentenverbindungen in anderen Ländern zusammen zu arbeiten. Ein Beispiel hierfür ist der Europäische Kartellverband, ein im Jahre 1975 gegründeter Zusammenschluss von katholischen Studentenverbindungen und -vereinen. Ein anderer Ansatz wurde mit dem im November 2002 in Würzburg abgehaltenen ersten Weltkorporationstag verfolgt. Es handelte sich dabei um ein Treffen von Studentenverbindungen aus aller Welt, der mit einer gemeinsamen Entschließung endete.

Seit der Unabhängigkeit der baltischen Staaten hat sich auch eine rege Zusammenarbeit zwischen den deutsch-baltischen Verbindungen in Deutschland und den nach deutschem Vorbild gegründeten estnischen und lettischen Verbindungen in Dorpat, Riga und Reval ergeben. Gemeinsame Veranstaltungen und Aktionen haben das Ziel, die Integration des Baltikums in die Europäische Union zu fördern.